Wie ist der Konflikt in Gaza zu lösen?
1- Radikale Kräfte als Sieger, 2- Hamas trägt die Verantwortung, 3- Israels Macht ist im Niedergang
28. 01. 2009
Über diese Frage debattierten in der Tageszeitung "Neues Deutschland" die DAVO-Mitglieder:
Prof. Dr. Werner Ruf und
Prof. Dr. Udo Steinbach
mit Stephan J. Kramer, Generalsekretär des Zentralrats der Juden in Deutschland.
DAVO ist die Abkürzung für die "Deutsche Arbeitsgemeinschaft Vorderer Orient"
Der erste Beitrag
Radikale Kräfte als Sieger
Von Werner Ruf
Der Schlüssel zum derzeitigen Blutvergießen sind die Wahlen zu einem
palästinensischen Parlament – die ersten wirklich demokratischen und
freien Wahlen in der gesamten arabischen Welt – vom Januar 2006. Damals
hatten die Palästinenser mehrheitlich für die Hamas votiert, weil sich
die »Regierung« unter der von Mahmud Abbas geführten Fatah voll unter
das Diktat der USA und Israels begeben und den »Friedensprozess« um
keinen Millimeter weiter gebracht hatte: Israel hatte seine
Siedlungspolitik weiter massiv vorangetrieben, den Bau der
völkerrechtswidrigen Mauer auf palästinensischem Gebiet fortgesetzt,
die Enteignung palästinensischen Landes und palästinensischer Häuser in
Ost-Jerusalem intensiviert. Es forderte und fordert die Anerkennung
seines »Existenzrechts«, ohne jemals die Grenzen des Staates Israel zu
benennen. Genau deshalb ist weiterhin unklar, welches Territorium für
einen rhetorisch immer wieder beschworenen palästinensischen Staat
übrig bleiben soll. Fatah benutzte die internationale Hilfe, um in
einem klientelistischen System seine Anhänger finanziell zu belohnen
und mit Pfründen auszustatten. Die Stimmenmehrheit für die Hamas war
Ausdruck des Protests gegen eine Politik, die das nationale Anliegen
der Palästinenser zu verraten schien und wenigen Lakaien Vorteile
brachte. Die Fatah erhielt Waffen und Ausbildungshilfe aus dem Westen,
um die Hamas militärisch niederzukämpfen. Dem kam diese zuvor, indem
sie in ihrer Hochburg Gaza die Macht übernahm.
Israel reagierte – mit Billigung der sogenannten
»internationalen Gemeinschaft«, wie sich die Westmächte zu nennen
pflegen, wenn sie, wie im Jugoslawien-Krieg, das Völkerrecht brechen –
mit der Verhaftung von mehreren der Hamas angehörenden Ministern und
zahlreichen Abgeordneten der Hamas. Der Fatah unter Abbas war das
recht, wurde ihr doch von Israel und mit billigender Unterstützung des
Westens jener Konkurrent vom Halse geschafft, der als einzige
politische Kraft noch konsequent die Schaffung eines unabhängigen und
territorial einigermaßen zusammenhängenden palästinensischen Staates
forderte. Im Gegensatz zur Forderung in ihrer Charta von 1988
(Errichtung eines palästinensischen Staates auf dem gesamten Gebiet des
britischen Mandatsgebiets Palästina) hatte die Hamas in der
Zwischenzeit ihre Forderung auf die im Krieg von 1967 –
völkerrechtswidrig – besetzten Gebiete reduziert. Auch hatte sie bis
zur Regelung des Konflikts mehrfach einen bis zu zehnjährigen
Waffenstillstand angeboten, ihre Teilnahme an den Parlamentswahlen
basierte auf den Verträgen von Oslo (1993), die eine
Zwei-Staaten-Lösung auf der Grundlage dieses territorialen Zustands
anvisiert hatte. Die Ächtung der Hamas als »terroristische Vereinigung«
dient seither als Begründung für die Verweigerung jedweder
Verhandlungen, als ob die PLO nicht viel grausigere Anschläge begangen
hätte, bis man mit ihr verhandelte und sie in die internationale
Legalität zwang.
Den Wahlkämpfern Livni und Barak hat der Krieg inzwischen große
Popularitätswerte gebracht – doch der 10. Februar 2009 ist noch weit.
Auf internationaler Ebene aber stellt dieser Krieg Weichen: Aus dem
grauenhaften Gemetzel in Gaza werden die Hamas und vor allem ihre
radikalen Kräfte politisch gestärkt hervorgehen, auch wenn es Israel
gelingen sollte, viele ihrer Führer zu töten. Die politische
Unterwerfung von Mahmud Abbas unter die Politik Israels und des Westens
wird dessen Legitimität endgültig zerstören. Der von Israel in Gaza
angestrebte »regime change« wird nicht stattfinden. Olmert hatte ihn
zynisch in die Worte gekleidet: »Ich denke an die zehntausende Kinder
und Unschuldige, die als Ergebnis der Hamas-Aktivitäten gefährdet
werden.« (FAZ 27.12.08) Die willfährige Unterstützung dieser Politik
durch die meisten arabischen Staaten, allen voran Ägypten, aber auch
Saudi-Arabien, wird diese autoritären Regimes noch mehr
destabilisieren. Die sunnitische Hamas wird in dieser Situation nur
noch zwei mögliche Unterstützer finden: den schiitischen Iran und Al
Qaida, welch letztere sie bisher konsequent aus dem Konflikt
herauszuhalten vermochte. Der militante Islam von Marokko bis
Indonesien wird aus diesem Konflikt gestärkt hervorgehen. Noch
kontraproduktiver könnte die westliche Politik nicht sein. Und am
Schluss wird man verhandeln müssen – mit Hamas!
Prof. Dr. Werner Ruf, Jahrgang 1937, war von 1974
bis 1982 Professor für Soziologie an der Universität Gesamthochschule
Essen und anschließend bis 2003 Professor für Politikwissenschaft an
der Universität Kassel. Seine Forschungsschwerpunkte sind Nordafrika
und der Nahe Osten, die Friedens- und Konfliktforschung, das System der
Vereinten Nationen sowie der Politische Islam.
Der zweite Beitrag
Hamas trägt die Verantwortung
Von Stephan J. Kramer
Weltweit wird der Ruf nach einer sofortigen Einstellung der
israelischen Operation im Gaza-Streifen laut und lauter. Und wieder
steht der Judenstaat in der Öffentlichkeit als der Friedensverweigerer
da. »Quod erat demonstrandum – die bösen Juden«, jubeln die üblichen
Kritiker, und viele, die es nicht besser wissen, stimmen ihnen zu.
Der dritte Beitrag
Israels Macht ist im Niedergang
Von Udo Steinbach
Der Krieg in Gaza kam nicht überraschend. Seinem Ausbruch liegt eine
doppelte Verweigerung zugrunde: einer gerechten Lösung für den
Paria-Status des palästinensischen Volkes und der Demokratie als des
Weges dahin. Die Besatzung hat mit der Mauer um Rest-Palästina und den
Sanktionen gegen die Menschen in Gaza eine neue Qualität erfahren. Und
die Verweigerung der Anerkennung der palästinensischen Wahlen im Januar
2006 hat jene Kräfte unter den Palästinensern gestärkt, die sich nichts
mehr von der Diplomatie erhoffen, sondern für eine Lösung ihres
Problems mit Waffen zu kämpfen entschlossen sind. Die Lösung des
Konflikts in Gaza ist Teil einer Lösung der palästinensischen Frage
insgesamt. Kommt sie nicht, wird auf den Krieg in Gaza der nächste
Krieg folgen. Weiter >>>
Alle drei Beiträge auf dieser Seite aus: Neues Deutschland, 16. Januar 2009


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