Viele Muslime in Deutschland haben ein verzerrtes Bild von ihrer Religion
17. 03. 2009
Interwview mit Prof. Dr. Harry Harun Behr
NÜRNBERG - 101.000 muslimische Schülerinnen und Schüler gibt es allein in Bayern. Islamischen Religionsunterricht erhielten sie bis vor kurzem nur von aus der Türkei entsandten Lehrern oder von privaten Moscheevereinen. Der deutsche Muslim Harun Harry Behr hat dazu beigetragen, dass sich dies ändert. In Erlangen, Nürnberg und Fürth gibt es seit 2007 in einem Modellprojekt deutschsprachigen Islamunterricht an mehreren Schulen. Ab dem Schuljahr 2009/10 wird der Unterricht deutlich ausgeweitet. NZ-Redakteurin Stephanie Rupp sprach mit Professor Harry Harun Behr für Islamische Religionslehre an der Universität Erlangen-Nürnberg.
NZ: Wie gut kennen eigentlich muslimische Schülerinnen und Schüler in Deutschland ihre Religion?
Behr: Das ist sehr unterschiedlich. Die Mehrzahl der unterrichteten
Schülerinnen und Schüler sind türkischer Herkunft. Sie verstehen den
Islam oft als Bestandteil türkischer Kultur, und so ist das
Religionsverständnis auch von nationalen Mustern geprägt. Mit der
Religion passiert, was bei Migranten – unabhängig von ihrer
Religionszugehörigkeit – immer passiert: Sie versteifen und
vereinfachen ihre Religion. Die meisten Kinder kennen ihre Religion im
Sinne einer Theologie gar nicht. Da ist viel Aufklärung erforderlich.
Es gibt natürlich auch diejenigen Schüler, die Unterricht in einer
Moschee haben und schon etwas mehr wissen, aber das ist nicht immer zu
ihrem Besten.
NZ: Gibt es Beispiele für Glaubensinhalte, von denen die Kinder völlig falsche Vorstellungen hatten?
Behr: Am weitesten verbreitet ist ein falsches Gottesbild. Bei
türkischstämmigen Jugendlichen beispielsweise steht der strafende Gott
im Vordergrund, der nur selten Sünden verzeiht. Ein Schüler aus
Dinslaken hat zum Beispiel einmal gesagt, für ihn sei Allah ein
eifersüchtiger, alter Mann. Eine derartige Vorstellung ist nicht mit
dem Gottesbild im Islam vereinbar. Auch beim Menschenbild ist noch sehr
viel Aufklärung erforderlich. So ist die Mehrzahl der türkischen
Schüler davon überzeugt, dass Christen nicht ins Paradies kommen. Das
aber widerspricht dem Koran. Die Theologie sagt, es kommt auf den
Glauben und die Handlungen an und nicht auf die Religionszugehörigkeit.
NZ: Sie haben seit 2005 an dem ersten in Deutschland erschienenen Islamlehrbuch «Saphir« für die fünfte und sechste Klasse gearbeitet. Es ist 2008 im Kösel-Verlag erschienen. Wie muss ein gutes Lehrbuch für Islamunterricht in Deutschland aussehen?
Behr:
Zunächst muss es natürlich die Vorgaben der gültigen Lehrpläne
erfüllen, die wir gemeinsam mit dem Kultusministerium erarbeitet haben.
Vor allem aber soll das Lehrbuch die Schüler neugierig machen und ihre
falschen Vorstellungen korrigieren. Zu diesem Zweck setzen wir auch
Texte, Bildimpulse und Fragestellungen ein, die aus dem normalen
Wahrnehmungsrahmen herausfallen oder die man so nicht erwartet hätte.
Ein Lehrbuch darf auch mal provozieren. So findet sich etwa die
Unterscheidung zwischen dem historischen und dem theologischen
Mohammed.
NZ: Das werden konservativere Muslime aber nicht so gerne sehen.
Behr: Natürlich nicht. Aber die Lehrpläne sehen vor, dass der Unterricht den Schülern dabei hilft, eine Befähigung zum Glauben zu treffen und dass er auch die Glaubensinhalte darstellt. Er soll die Lehre schmackhaft machen. Aber wir dürfen im islamischen Religionsunterricht nicht predigen, sondern sollen aufklären.
NZ: Spielt auch das Christentum eine Rolle im Islamunterricht?
Behr: Ja, natürlich. Das Christentum wird laut Lehrplan nicht nur aus
islamischer Sicht, sonder auch aus christlicher Binnenperspektive
dargestellt.
NZ: Inwiefern kann islamischer Religionsunterricht auf deutsch dazu beitragen, dass aus Kindern später keine fanatischen Muslime werden?
Behr: Generell sind zwei
Unterrichtsstunden pro Woche natürlich wenig. Der Unterricht soll zur
Glaubensentscheidung befähigen. Und die Grundlage dafür ist die
Befähigung zum kritischen Urteil. Diese Schulung zur kritischen
Urteilsfähigkeit ist gleichzeitig die Voraussetzung dafür, dem
entgegenzuwirken, dass sich die Schüler später von einem islamistischen
Weltbild anziehen lassen. Im nächsten Band des Lehrbuchs für die siebte
und achte Klasse, das gerade in Vorbereitung ist, wird dies konkret
einfließen. Da gerät ein Jugendlicher in ein radikales Milieu. Durch
die Auseinandersetzung damit kann man versuchen, Schüler dagegen zu
immunisieren, dass sie den Verführungen der Rattenfänger ins Netz
gehen.
NZ: Wie sind die bisherigen Erfahrungen in Bayern mit dem Islam-Unterricht und mit dem Lehrbuch?
Behr: Die Erfahrungen mit beidem sind sehr gut. Ich will hier kein
Selbstlob üben, sondern berufe mich auf die Aussagen des bayerischen
Staatsinstituts für Schulqualität und Bildungsforschung. Was ich sehe,
ist, dass die Schüler das Buch mögen, sie halten sich daran geradezu
fest. Interessant ist allerdings, dass die meisten Bestellungen für das
Lehrbuch aus dem außerschulischen Bereich kommen.
NZ: Gab es auch schon negative Reaktionen auf das Buch oder auf den Unterricht?
Behr: Ja, die gibt es immer wieder, und sie waren teils äußert massiv.
So haben mir konservative Muslime vorgeworfen, wir würden bewusst eine
Christianisierung der Muslime betreiben. Zum Beispiel dadurch, dass im
Buch ein Kirchturm mit hoher Kirchturmspitze abgebildet ist, aber eine
Moschee ohne Minarett. Es handelt sich dabei um Fotos. Und die
abgebildete Moschee hat nun einmal kein Minarett. Zudem stößt man sich
an der Abbildung von Engeln. Da muss ich dann erklären, dass es sich
nicht um Abbilder von Engeln handelt, sondern um menschliche
Vorstellungen. Auch die Islamlehrer, die wir ausgebildet haben und die
Muslime sein müssen, sind vor persönlichen Angriffen nicht immer
gefeit. So gab es schon Fälle, in denen einzelne Lehrerinnen
beschuldigt wurden, sie könnten den Schülern den Islam nicht vorleben,
weil man sie in einer kurzärmligen Bluse gesehen hat. Dazu muss ich
klar sagen: Solche Angriffe verletzen nicht nur die
Persönlichkeitrechte der Betroffenen, sondern auch die Vorgaben durch
unser Verfassungsrecht.
Nürnberger Zeitung, Stephanie Rupp
17.3.2009


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