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Bedingter Freispruch für die Philosophie

24. 02.2010

Eine neue Edition der Abhandlung des Averroes über

Wissenschaft und islamisches Recht

Thomas Sören Hoffmann

Philosophie hat von ihren Anfängen an immer um ihre Selbstbehauptung gerungen. Entsprechend behalten die Dokumente philosophischer Selbstbehauptung ihren Wert – von der "Apologie des Sokrates" über Picos "Oratio" bis zum "Streit der Fakultäten". Die von dem Paderborner Emeritus Franz Schupp jetzt neu herausgebrachte "Entscheidende Abhandlung" des Averroes alias Ibn Ruschd gehört in die Reihe dieser Dokumente. Entstanden im 12. Jahrhundert in einem immer noch oft romantisch verklärten islamischen Andalusien, reflektiert sie die Angriffe eines rigorosen Islam und seiner Rechtsgelehrten auf die Vernunftwissenschaft als solche.

In Córdoba hatten unter Almansor bereits im 10. Jahrhundert die philosophischen Bücher gebrannt, und die Almoravidenherrschaft nach 1091 war umso mehr dazu angetan, alles freie geistige Leben endgültig zu ersticken. Averroes selbst hat es erleben müssen, wie seine Werke der Raub eines im wörtlichen Sinne flammenden Eifers der Jünger des Propheten wurden – sosehr die Herrschaft der Almohaden sonst auch eine Entspannung brachte.

Averroes ist im Westen vor allem als konkurrenzloser Aristoteles-Kommentator bekannt geworden, an dem man sich reiben, von dem man aber dennoch vor allem lernen konnte. Die Spur seines Wirkens lässt sich mühelos über das Hochmittelalter (in Paris) bis in die italienische Renaissance hinein verfolgen. Überraschenderweise haben die islamischen Biographen in Averroes dennoch eher den Juristen gesehen, der er in der Tat auch war – in Sevilla und Córdoba, wo er zudem auch als Leibarzt in Diensten des Herrschers stand. Auch der Mann, der sich in der "Entscheidenden Abhandlung" für die Philosophie ausspricht, ist tatsächlich nicht Averroes, der Philosoph, sondern der Jurist.

Die Frage, die er entscheidet, lautet, ob es nach islamischem Recht statthaft, erwünscht oder gar geboten sei, sich auf die Philosophie einzulassen. Brisant ist diese Frage schon deshalb, weil es bei ihr um eine bewusste Öffnung der als verbindlich vorausgesetzten arabischen Kultur für jene griechischen Quellen geht, die durch die Vermittlung syrischer Christen den islamischen Kulturkreis vor allem des Ostens längst erreicht hatten. Averroes berührt hier, wie Schupp zu Recht sagt, "ein Grundproblem der islamischen Kultur und Gesellschaft", das sich aus ihrer Fixierung auf die arabischen Wurzeln ergibt. Brisant ist die Frage auch deshalb, weil die Philosophie zu Thesen zu führen scheint, die – wie im Falle der Lehre von der "Ewigkeit der Welt" – dem Koran generell widersprechen.

Der Rechtsentscheid nun, den der Kadi Averroes angesichts dieser Fragen trifft, lautet, dass der Koran den Vernunftgebrauch geradezu anordnet. Denn der ist unverzichtbar, um das heilige Buch selbst in jenen Teilen zu verstehen, die offenkundig der Interpretation bedürfen. Das heißt bei Averroes gewiss nicht, dass nun jeder nach "seiner" Vernunft oder was er dafür hält, den Koran auslegen dürfte. Die Philosophie ist – jedenfalls für den Aristoteliker – strenge, beweisende Wissenschaft, deren nur die wenigsten fähig sind.

Deshalb gehören philosophische Bücher auch nicht in die Hände der Masse, deren Verwirrung sie nur vergrößern würden. Für die Masse genügen Bilder, genügt die Rhetorik, um ihr "gesunde" Orientierung zu geben. Schon "dialektische Theologie", auch die islamische, insofern sie einen philosophisch nicht regulierten Sprachgebrauch pflegt, ist am Ende nur gefährlich. Und wenn Theologen, die nicht "beweisend" zu denken vermögen, dem Menschen den Gebrauch der Vernunft verbieten wollen, ist gerade dies nach Averroes "das Äußerste an Unwissenheit und Entfernung von Gott".

Damit ist die Philosophie "gerettet" – freilich nur für jene Elite, die sich auf sie versteht, und freilich nur von Gnaden des islamischen Rechts, das auch Averroes als letzte Instanz noch oberhalb des philosophischen Denkens ansieht. Ganz anders hatte Platon gelehrt, dass die Philosophie niemals unter Recht und Gesetz fällt, sondern sie übersteigt; sie ist nicht Funktion des Gemeinwesens, sondern freies Verhalten zu dessen Grund.

Der sorgfältig aufbereitete und bis ins kleinste Detail kommentierte Text ist bereits einmal übersetzt worden; vor über hundert Jahren von Marcus J. Müller. Schupp übersetzt weit weniger flüssig als Müller, ja oft bis an die Grenzen der Verständlichkeit gehend. Die Rechtfertigung, dass sich einem modernen Araber das Original sprachlich auch nicht leicht erschließe, überzeugt nicht recht. Schließlich möchte, wer heute zu einer Übersetzung des Averroes greift, nicht wissen, wie sich ein mittelalterliches Arabisch für moderne arabische Ohren ausnimmt. Er will vielmehr ins Philosophieren, in diesem Fall: in die Bewegung der Selbstbehauptung der Philosophie hineingenommen werden. Und das gelingt auch – mit oder ohne das Bewusstsein, damit zu einer "Elite" zu zählen.

FRANKFURTER ALLGEMEINE ZEITUNG vom 24.02.2010 Seite 34

Averroes: "Die entscheidende Abhandlung und die Urteilsfällung über das Verhältnis von Gesetz und Philosophie". Arabisch–Deutsch. Herausgegeben und übersetzt von Franz Schupp. Felix Meiner Verlag, Hamburg 2009. 338 S., geb., 68,– €.

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